Nuoro

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Nuoro ist eine besondere Stadt. Hoch oben, bei Sonnenaufgang im Schatten des Monte Ortobene inmitten der Barbagia und im innersten Zentrum Sardiniens gelegen, ist sie das Herz der Insel. Umgeben von einer überwältigenden Landschaft mit Blick auf das wilde Supramonte-Massiv und die fernen Gennargentu-Gipfel vermittelt diese spektakuläre Gebirgsregion einen Sinn für das, was Sardinien ausmacht: Durch die Jahrhunderte überdauernde Isolation hinter den Bergmassiven haben sich die uralten sardischen Traditionen bis heute bewahrt. Damit spielt Nuoro, das lange Zeit den Charme eines Hirtendorfes besaß, eine zentrale Rolle im Selbstbewusstsein der Sarden, deren Bräuche in den immer wieder von fremden Mächten besetzten Küstenstädten in Vergessenheit gerieten. So stammen auch Sardiniens bedeutendste Schriftsteller aus Nuoro: allen voran die Literaturnobelpreisträgerin Grazia Deledda und der Lyriker Sebastiano Satta. Auch viele Künstler und Bildhauer prägten das kulturelle Leben der Stadt. Hier blühte Kunst, Kultur, Dichtung und Literatur wie an keinem anderen Ort auf Sardinien.
In den 1950er und 1960er Jahren war Nuoro Ausgangspunkt von legendären Verfolgungsjagden der Carabinieri auf Banditen, die sich in den Bergen um das Supramonte-Massiv versteckt hielten. Das Gefängnis der Stadt war berüchtigt und auf ganz Sardinien gefürchtet. Heute ist Nuoro eine Stadt mit lebhaften Straßen und ein Sammelsurium verschiedenster Baustile, das die Lebensbedingungen des Berglandes widerspiegelt und einen eigenen, herben Charme besitzt.
Die reizvollen Seiten Nuoros zeigt der Ortskern mit seinem Gassengewirr oberhalb des Corso Garibaldi, der schnurgeraden, mit Granitsteinen gepflasterten Fußgängerzone und Einkaufsmeile der Stadt. An der von weißen Häusern umgebenen Piazza Sebastiano Satta steht das Geburtshaus des bekanntesten Lyrikers der Insel: Sebastiano Satta, der „Poet der Barbagia“. Den Platz zieren ihm zu Ehren zahlreiche Granitblöcke mit eingelassenen Skulpturen. Dahinter erstreckt sich das charakteristische und volkstümliche Viertel Nuoros mit dem Geburtshaus der Schriftstellerin Grazia Deledda, einem ehemals vornehmen Granithaus mit einem für Sardinien typisch eingeschlossenen Innenhof mit Brunnen. Im Haus gibt es einige Bücher, Urkunden und Privatsachen der Schriftstellerin zu besichtigen.
Über die Via della Solitudine erreicht man die Chiesa della Solitudine, eine kleine Kirche, in der sich das Grab der Schriftstellerin befindet. Die Museen der Stadt zählen zu den besten der Insel. Sehenswert sind das Museo Etnografico und das Museo Civico Speleo-Archeologico. Das Museo della Vite e delle Tradizioni Popolari Sardi, auch Museo del Costume genannt, beherbergt in einem Komplex aus mehreren Häuschen, die verschiedene Baustile der Insel widerspiegeln, die interessanteste volkskundliche Sammlung Sardiniens.
Eine kurvige Straße zwischen zerklüfteten Felsen und dichten Steineichenwäldern führt hoch zum Monte Ortobene, der mit einem atemberaubenden Ausblick auf das lang gestreckte Tal bis zum mächtigen Supramonte-Massiv lockt. Auf dem Gipfel stehen die mächtige, 7 Meter hohe Christusstatue Il Redentore und das Kirchlein Madonna de su Monte. Während der Sagra del Redentore Ende August, eines der größten Volksfeste Sardiniens mit Trachten und Festzügen, führt eine Prozession zu der kolossalen Bronzeskulptur hinauf.